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Die vorliegenden Paragraphen sind ein Auszug aus der Dissertation:

"Bewegtbilder der Wissenschaft und ihre Mediendesign. Eine Untersuchung

zu ›Massive Open Online Course‹-Videos im Hochschulsystem." 



Co-Design von Bewegtbildern der Wissenschaft

Prozessuale Bewegtbilder der Wissenschaft

Das Konzept des Co-Designs von Bewegtbildern der Wissenschaft impliziert interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Film. Erfolgsbedingung ist damit die Bereitschaft aller Beteiligten, sich in andere, fremde Wissenscluster vorzuwagen. Dieses Konzept beschreibt im Idealfall nicht die nachträgliche Dokumentation einer Forschungsarbeit, sondern eine anwendungsbezogene Vernetzung der wissenschaftlich-filmischen Praktiken, wobei sich Teile der Disziplinen amalgamieren. Dabei wird das audiovisuelle Medium vom Beginn des Forschungsprozesses an als Datenformat mitgedacht, integriert und hinsichtlich des jeweiligen Potenzials eingesetzt, damit Bewegtbilder als eine eigens wissensgenerierende Form, etwa »Immutable Mobiles«, fungieren können.

 

Nach Bruno Latours Definition sind Immutable Mobiles aus dem Forschungsfeld generierte Daten, die als Schlüsseleigenschaften stabil kopierbar, lesbar, kombinierbar und trotzdem mobil sind: »In sum, you have to invent objects which have the properties of being mobile but also immutable, presentable, readable and combinable with one another«.  Die Immutable Mobiles verankern das fragile, eigentliche Untersuchungsobjekt in ein transportables Datenprodukt. Die vorliegende Argumentation baut auf der erweiterten Sichtweise von Dirk Verdicchio auf, der Bruno Latours Begriff der Immutable Mobiles auf Bilder der Wissenschaft anwendet, die in populären Wissenschaftsfilmen eingesetzt werden.  Diese Definition von Immutable Mobiles wird hinsichtlich Bewegtbildern der Wissenschaft ausgeweitet, welche in einem Co-Design-Prozess produziert werden. 

Teil des Wissenschaftsprozesses: zirkulierbar, kombinierbar, unveränderlich

Die mediale Aufbereitung von jeglichen im Feld erhobenen Daten stellt einen entscheidenden Schritt im wissenschaftlichen Prozess dar, welcher in »Die Hoffnung der Pandora« von Bruno Latour detailliert analysiert wird.  Sein Begriff der »zirkulären Referenz« bezieht sich auf das Verhältnis der referenziellen Form einer schriftlichen Publikation zur eigentlichen Datenquelle der Analyse.  Hierbei sei darauf hingewiesen, dass der Begriff vor allem den Prozess dieses Referenzierens beschreibt, das heißt, es werden die Faktoren beleuchtet, die im Datengenerierungsprozess mitspielen. Zudem steht die Frage im Vordergrund wie diese die Übersetzung des Rohmaterials in eine mediale Schriftlichkeit beeinflussen. Diese Schriftlichkeit lässt sich dann schnell und stabil verbreiten und kommunizieren: »Techniken und Objekte, die eine solche Kombination von Mobilität und Stabilität produzieren, bezeichnet Latour als immutable mobiles.«  Die Schlüsseleigenschaften dieser aus der Forschung mit Techniken und Objekten generierten Daten können alle in Bewegtbildern wiedergefunden werden. 

Die Immutable Mobiles verankern das fragile, eigentliche Untersuchungsobjekt (zum Beispiel ein von Orang-Utans in Borneo aus Blättern gebautes Regendach oder hyperthermophile Schleimpilze an einer Schwefelquelle am Meeresgrund) und erstellen damit sozusagen einen »Capture Lock« eines flüchtigen Momentes, um darauf im späteren Forschungsprozess zurückgreifen zu können. »Auf die bestehenden Inskriptionen kann im Prozess der Forschung immer wieder zurückgekommen werden, sie lassen sich neu rahmen und orientieren, weiterverarbeiten und zitieren.« 

 

Als ein Schlüsselelement der Immutable Mobiles gilt, dass diese dem Forschungsthema als Allierte dienen können, da sie ein Phänomen, Untersuchungsobjekt oder Messungsdaten im Forschungsfeld visuell bescheinigen. Diese erlauben im Nachhinein eine Beweislage für diejenigen vorzuführen, »to those you want to convince and who did not go there«. 

Given the importance of representation in science, it should not surprise scholars of science and technology studies that highly visual and rhetorically persuasive media, such as fictional films and television, can be a factor in scientific epistemology. This potential impact becomes more apparent when we take into account additional elements that increase visually based media’s capability to re-present' nature and enhance their rhetorical power, including an aural component, highly advanced representational technologies (i.e. special effects), a complex system of signification, and a narrative framework designed to highlight the representation’s reality and to make opaque its construction. 

 

 

Im Sinne des Konzeptes von Bewegtbildern als Immutable Mobiles ist dabei jedoch unerlässlich, dass es sich dabei nicht um eine nachträgliche videographische Dokumentation einer Forschungsarbeit handelt: Eine Mehrheit der heutigen Bewegtbilder der Wissenschaft wird erst am Ende eines erfolgreichen Forschungsprojektes initiiert. Diese Desintegration von Bewegtbildern während des eigentlichen wissenschaftlichen Geschehens stellt sich hinsichtlich diverser Faktoren als Schwierigkeit dar. Weder das Wissen aus der Bewegtbild-Praxis noch eine Dokumentation, Investigation oder Notation des eigentlichen Prozesses im Bewegtbild finden statt. Dies wäre aber nicht nur für die Gültigkeit von Bewegtbildern als Immutable Mobiles eine Grundvoraussetzung. Zudem erschwert der Mangel an prozessual generierten audio- und visuellen Daten eine Bewegtbild-Produktion im Nachhinein. 

Ex-post Produktionen im Wissenschaftszyklus

 

Im Folgenden wird anhand von fünf Faktoren dargelegt, warum sogenannte Ex-post-Verfilmungen, also die Produktion von Bewegtbildern anhand bereits final bestehender wissenschaftlicher Ergebnisse, das Bewegtbild-Medium nicht optimal nutzen und ihr Potenzial, als Immutable Mobile zu wirken, reduzieren. 

 

Erstens wird dabei vielfach auf bestehendes Material zurückgegriffen. So erstaunt es wenig, dass Ex-post-Verfilmungen, ob aus der Forschung oder Lehre, häufig aus Präsentationsfolien bestehen. Diese Folien sind bereits in einem existierenden digitalen Format vorhanden und können einfach in ein Postproduktionsprogramm importiert werden. Dass Präsentationsfolien dabei die Affordanzen des Bewegtbildes nicht optimal bespielen, wurde in den vorhergegangenen Kapiteln ausführlich gezeigt.

 

Zweitens wird bei einer Ex-post-Produktion jedweder potenzielle interdisziplinär übergreifende Prozess des Co-Designs, der sich zwischen Wissenschaftler und Mediendesigner entwickeln könnte, stark eingeschränkt beziehungsweise je nach Anforderung an das Produkt sogar vollständig unterbunden. Bewegtbilder werden auf ein Disseminationsmedium reduziert, welches fixe und finale Inhalte kommuniziert oder abzubilden versucht. Dieser Ansatz lässt sich im Sinne des kulturell verankerten Nachrichtenfernsehens begreifen, welches von außen über wissenschaftliche Ergebnisse berichtet, jedoch niemals selbst Teil des wissenschaftlichen Prozesses ist. Die Chancen, das Medium als Medium der Wissensgenerierung einzusetzen und von innen, in einem übergreifenden transdisziplinären Prozess mit der Expertise der Bewegtbilder, zu verwenden, werden dadurch jedoch ausgeschlossen.

 

Drittens – und für die epistemologische Argumentation am Wichtigsten – kann ein Ex-post-Prozess nicht im gleichen Sinne wie die traditionellen schriftlichen Formate, die Latour in der Definitionsschrift des Begriffes von Immutable Mobiles zur Herleitung benutzt, agieren. Latour beschreibt, wie im Entstehungsprozess der Wissensgenerierung Notizen, Protokolle, Laborjournale, Entwürfe, Bewerbungspapiere für Forschungsgelder oder Doktoratsstellen, Konferenzpublikationen, Forschungsberichte, Arbeitspapiere bis hin zu Publikationen (peer-reviewed) konstant in ein textliches Medium umgewandelt werden.  Die Daten einer finalen schriftlichen Publikation lassen sich bestenfalls im Kontext der Forschungsarbeit bis zu den Rohdaten zurückverfolgen: »Um den epistemischen Status von wissenschaftlichem Wissen nicht bloß im Hinblick auf das ›Endprodukt‹ [...] zu untersuchen, ist es notwendig, den Blick auf die Transformationsprozesse des Wissens zu richten.«  Diese schriftlichen Formate der Wissenschaft durchlaufen typischerweise einen aufwendigen Überarbeitungsprozess von der Datensammlung, Aufbereitung, Bereinigung, Reinschreibung bis hin zur finalen Version, die peer-reviewed ist. Werden anhand dieses finalen Papers nun letztendlich Bewegtbilder produziert, so können diese höchstens in einer retrospektiven Form – past present – über den Forschungsprozess erzählen, jedoch kein interaktiver Teil von ihm werden. Damit unterbindet ein solcher Prozess ebenfalls einen möglichen epistemischen Status von Bewegtbildern im Wissenschaftsprozess.

 

Viertens könnte eine vertiefte Integration von Bewegtbildern in den wissenschaftlichen Prozess die Kohärenz und Gültigkeit der wissenschaftlichen Tätigkeit unterstützen und möglicherweise Bewegtbilder als Immutable Mobiles zu einem Bestandteil einer zielorientierten Open-Science-Strategie etablieren. Bewegtbilder könnten sogar als unterstützende Maßnahme zur Validität wissenschaftlicher Ergebnisse beitragen, da etwa die Beschreibung des angewendeten Methodendesigns vollständiger zugänglich gemacht werden könnte, als dies mit einer textlichen Beschreibung möglich ist. Dies kann etwa der Fall sein, wenn es sich um Experimentalmethoden handelt und sich von den Forschenden als irrelevant eingeschätzte Details im Nachhinein als zentral für das beobachtete Phänomen herausstellen. 

 

Fünftens stellt eine Ex-post-Verfilmung die Wissenschaftler und Mediendesigner vor die enorme Herausforderung, passende Bild- und Tonwelten für das Projekt zu definieren. Bestandteile des gesamten Forschungsprozesses müssen erneut in einer Retrospektive kontextualisiert werden. Dies angemessen umzusetzen, erfordert oft zusätzliche Ressourcen, welche für eine solche Produktion nicht eingeplant worden sind. Und selbst wenn die Ressourcen vorhanden sind, so können relevante Momente in der Datengenerierung, welche fundamental dazu beigetragen haben, die jeweiligen Resultate zu erhalten, ex-post bestenfalls reinszeniert werden. Bei der Reinszenierung geht jedoch eine der zentralen Stärken des audiovisuellen Mediums verloren: Der Forschungsprozess wird in der Reinszenierung gemäß der Vorstellung des Forschenden abgebildet, während eine Aufnahme während des Prozesses selbst Rohdaten generiert und es damit zumindest gelegentlich ermöglicht, unerwartete schwarze Schwäne und potenziell Erkenntnis erweiternde Aspekte des untersuchten Phänomens zu entdecken.